Bericht vom Bundestreffen der Regionalbewegung

Am 3. und 4. Juni fand das Bundestreffen der Regionalbewegung in Hamburg statt. „Der Bundesverband der Regionalbewegung e.V. wurde im März 2005 gegründet und versteht sich seitdem als Dachverband für die vielfältigen Akteure regionalen Wirtschaftens, die zu einer erfolgreichen und nachhaltigen Regionalentwicklung und der Stärkung ländlicher Räume beitragen. Zudem gewährleistet er die Kommunikation von relevanten Inhalten und Anliegen in Politik und Gesellschaft. Zu den Themenplattformen gehören neben der Nahversorgung mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs auch regionale Schulentwicklung, regionale Finanzdienstleister, regionale erneuerbare Energien und das regionale Handwerk.“ (Quelle: Bundesverband)

Ich war für das  KlosterGut Schlehdorf und das Netzwerk Urbane Gärten München dabei. Bis dahin hatte ich von der Regionalbewegung in Form dieses Bundesverbands noch gar nicht viel mitbekommen und war dann erstaunt, wie groß und auch einflussreich der Verband ist. Die Tagung fand in der sehr angenehmen Katholischen Akademie und der GLS-Bank ganz zentral an der Stadthausbrücke statt. Eine schönes Rahmenprogramm mit Alsterschiffahrt, Besuch der Großmarkthalle, Tour durch die Rindermarkthalle und Ausflug in die Vierlanden begleitete das gehaltvolle Tagungsprogramm. Die ganze Veranstaltung war richtig gut organisiert, wirklich interessant und anregend.

Hier ein ausführlicher Bericht für diejenigen, die es inhaltlich interessiert:

Bereits der erste Vortrag von Prof. Theo Gottwald über die Zukunft der Regionalbewegung öffnete das Feld ganz weit. Sein Motto „Go Social“ untermauerte er mit den 7 Thesen bzw. Anregungen:
1. Heimat ist kein Ort, sondern ein Gefühl
2. Die Region als soziale Bewegung
3. Regionale Verantwortung durch Unternehmertum
4. Sozialkapital braucht (regionales) Finanzkapital
5. Auf´s Teilen einlassen
6. Verbindungen mit neuen Bewegungen wie RepairCafes, Gemeinschaftsgärten u.a. schaffen
7. Das Neue entsteht „Dazwischen“

Dr. Tanja Busse, mir bekannt durch ihre engagierten Artikel und Bücher wie „Die Wegwerfkuh“ moderierte die norddeutsche Länderrunde zum Stellenwert der Regionalbewegung. Besonders beeindruckend die Aussage, dass wir eine Neuorientierung wegen Komplettversagen des Staates brauchen. Dr. Silke Schneider (Ministerium für Energiewende etc.) wies darauf hin, dass alles Kraft hat, was von „unten“ kommt und wächst. Diese Bewegungen müssen unterstützt werden und nicht Ideen von „oben“ aufgesetzt werden. Wir dürfen Regional nicht nur für Lebensmittel denken sondern auch für Verkehr, Energie, Bildung etc.

Bei den anschliessenden Vorträgen zur Frage der Rolle der regionalen Unternehmen an der Lebensqualität in ländlichen Regionen fielen Prof. Dr. Marc Redepenning (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und Prof. Dr. Theresia Theurl (Institut für Genossenschaftswesen Münster) auf. Lebensqualität ist nicht mit dem Bruttoinlandsprodukt messbar und die Vorstellung einer Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land ist absurd. Statt dessen sollten gelingender Kulturwandel und Anerkennung der Regionalität in den Mittelpunkt gestellt werden. Dabei müssen negative Kreisläufe durchbrochen werden. Statt des Wartens auf Zwangsbeglückung muss es eine Betroffenheit geben, ein Bewusstsein entwickelt werden und die Bereitschaft zur Veränderung in Zielformulierungen und definierten Projekten umgesetzt werden. Regionale Wirtschaft ist Teil des Ganzen und benötigt Kooperationen. Die Menschen erwarten von regionalen Unternehmen Werte, Mitwirkung und Teilhabe.

Nachmittags ging es weiter mit verschiedenen Workshops, bei dem ich das Thema der „Regionalität in der Metropole – Konzepte für mehr Ernährungssouveränität“ wählte. Valentin Thurn informierte über die Bewegung der Ernährungsräte und insbesondere den Ernährungsrat in Köln, an dessen Gründung er selber maßgeblich beteiligt war. Pamela Dorsch berichtete mit Film und Wort von der Markthalle Neun in Berlin, ein beeindruckendes Konzept für eine andere Nahversorgung. Der Autor und Blogger Philipp Stierand zeigte Unterstützungsmöglichkeiten von Kommunen auf.

Den Abschluss des Programms an diesem Tag bildete eine Podiumsdiskussion zum geplanten Bundesprogramm Regionalvermarktung. Über die Fragen, was von dem bereits Vorhandenen  funktioniert und was nicht, was möglich und was notwendig ist, waren sich grundlegend alle Beteiligten einig. Insbesondere der Ausverkauf des Begriffes „Regional“ macht allen Beteiligten Sorge und muss durch eine klare Definition wieder an Glaubhaftigkeit gewinnen. Besonders dringlich auch der Hinweis, dass uns allen die Zeit davonläuft, da das Handwerk ausblutet und jetzt Strukturen verstetigt werden, die wir eigentlich nicht wollen. Nur durch eine Bündelung der Kräfte und eine systematische Unterstützung durch die Politik kann diese Entwicklung noch aufgehalten werden. Siehe Pressemitteilung.

Am Samstag zeigte der Festvortrag der Ministerialdirektorin aus dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wieder einmal, dass die Politik sich zwar bemüht, diese Bemühungen aber häufig an den Bedürfnissen der Akteure vorbeigehen. Die Aussage „Stadt ohne Land ist nicht denkbar“ darf nicht nur gesagt, sondern muss gemeinsam mit der ländlichen Bevölkerung gelebt werden.

Der anschliessende Vortrag „TTIP und die Auswirkungen auf KMU“ von Dr. Katharina Reuter von UnternehmensGrün war ein echter Lichtblick und zeigte, wie weit Erwartungen und Befürchtungen der verschiedenen Gruppen auseinander gehen. Leider bestätigte sie alle Befürchtungen, die gegen TTIP sprechen.

Im Wissensmarkt stellten 12 Akteure ihre Projekte vor, so dass die TeilnehmerInnen sich über fünf Projekte informieren konnten. Dabei ging es um Möglichkeiten der Vermarktung, der Beteiligung an Unternehmen (Regionalwert AG)  oder das sehr interessante Forschungsprojekt nascent.

Der Vortrag am Nachmittag von Dr. Michael Kopatz vom Wuppertal Institut sprengte nicht nur den Titel „Klimaschutz durch kurze Wege“ sondern auch alle Erwartungen. Er setzt sich konsequent für einen kompletten Stopp des Wirtschaftswachstum ein und zeigt auf, dass die Subventionen für die Förderung der Umweltzerstörung sehr viel höher sind, als die vermeintlichen Kosten für den Umweltschutz. Das individuelle rationale Denken des Einzelnen führt zur generellen irrationalen Katastrophe. Seinen Aufruf zum Widerstand gegen viele Missstände, aber besonders zum Widerstand gegen die Dummheit unterstrich er mit seinem Waldviertler-Schuh in der Hand – es fehlte nur noch wenig zum berühmte Schlag auf den Tisch von Chruschtschow. Sein Buch „Ökoroutine“ erscheint die Tage im oekom-Verlag.

Von den vier Workshops am Nachmittag besuchte ich „Alle reden von regional – wie wird die Zielgruppe erreicht?“, in dem Prof. Dr. rer. pol. Holger Buxel von der Universität Münster eine sehr interessante Studie über die Erwartungen von verschiedenen Zielgruppen in Bezug auf regionale Lebensmittel vorstellte (die Studie git es HIER). Passend dazu gab es anschliessend von Nicole Sillner von alma grafica eine Einführung in das Zielgruppen-passende Produktdesign.